Die heutige Tour darf mal wieder die 10-Kilometer-Marke überschreiten. Mich zieht es in die Bornimer Feldflur. Die Anfahrt ist mit dem Auto ab Spandau bequem; ich steige mittendrin in die Tour an der Max-Eyth-Allee ein, weil dieser Punkt für mich am einfachsten zu erreichen ist. Zunächst geht es noch an Garagen und Gärten vorbei, dann zieht mich ein Rad- und Fußweg über alte Betonplatten hinaus in die offene Landschaft. Es ist ein kühler Morgen Anfang Mai, die Sonne ist zwar angekündigt, muss sich aber erst durch den Hochnebel arbeiten. Als sie schließlich ein paar helle Löcher in die Wolkendecke schmilzt, kommt Farbe in die Felder, und die Bornimer Feldflur beginnt zu leuchten.
Ich bin schon oft mit dem Auto hier vorbeigefahren und hatte mich gefragt, ob diese Gegend zu Fuß überhaupt reizvoll sein könnte. Aus dem Autofenster sieht man schnell nur einen geraden Feldweg, ein paar Wiesen, vielleicht ein paar Obstbäume, und schon fällt man ein vorschnelles Urteil. Jetzt, auf meiner Runde, merke ich, wie falsch dieser Eindruck war. Zwischen Entwässerungsgräben, Schafweiden, Obstplantagen und alten Bäumen, an denen Efeu hochwächst, entfaltet sich eine stille, erstaunlich vielfältige Landschaft. Links dösen Pferde auf den Wiesen, vor mir steigt die kleine Hügelkette zum Katharinenholz an, und irgendwo in der Ferne zeigt sich das dunkle Dach der Bornimer Kirche.
Besonders schön ist der Abschnitt vor dem Katharinenholz. Ich laufe durch ein Meer aus Pusteblumen und gelben Löwenzahnblüten, daneben beginnt der Weißdorn zu blühen. Es wirkt fast unwirklich, wie eine kleine Feenlandschaft am Rand von Potsdam. Nach den letzten Regentagen liegt Feuchtigkeit in der Luft, der Boden riecht dunkel und satt, und im Wald umgeben mich die Stimmen der Vögel. An den Düsteren Teichen blitzt die Wasseroberfläche nur stellenweise durch Schilf und Gehölz; ich meine, sie schon einmal voller gesehen zu haben, aber gerade dieses Halbverborgene passt gut zu diesem Ort.
Später taucht Schloss Lindstedt zwischen den Bäumen auf. Ich hatte es schon einmal besucht und damals den kleinen Umweg über die Steinerne Brücke ausgelassen. Diesmal nehme ich mir die Zeit dafür, und es lohnt sich. Von oben wirkt die Brücke zunächst unscheinbar, doch sobald man ein paar Schritte zur Seite geht, zeigen sich die tiefen steinernen Pfeiler und Bögen. Solche kleinen Entdeckungen sind es, die eine Tour für mich besonders machen: Orte, die erst sichtbar werden, wenn man ihnen ein wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Auch der Karl-Foerster-Garten ist so ein Ort, an dem man besser nicht eilig vorbeigeht. Ich kann Fotos mitbringen, Eindrücke, vielleicht ein paar Notizen, aber nicht den Duft, der den Garten in jedem Winkel erfüllt. Den muss man selbst erleben. Ich denke daran, dass ich mit meiner Frau noch einmal hierherkommen möchte, um das Wohnhaus und das Arbeitszimmer Karl Foersters in Ruhe anzusehen.
Auf dem Rückweg öffnet sich wieder die Bornimer Feldflur. Der Weg führt unter alten Linden entlang, deren Stämme unten von breiten Blättern überwachsen sind, und links und rechts gehen Blicke über die Felder. Kurz vor dem Ziel komme ich an der LOFAR-Station vorbei, deren Antennen Radiowellen aus dem Weltall empfangen. Gleich daneben erinnern der Persiusturm und ein Gedenkstein an Peter Joseph Lenné an die gestaltete Kulturlandschaft, durch die ich gerade gegangen bin. Am Ende bin ich froh, dass ich diesen scheinbar unspektakulären Weg nicht vom Autofenster aus beurteilt habe. Zu Fuß zeigt Bornim eine überraschend schöne Seite.